27.9.2026· sinskimos@gmail.com

Warum versinkt die US-Ostküste in Wasser, obwohl der Atlantik 2026 keinen einzigen Hurrikan hervorgebracht hat – während am Oberrhein heute 32 Grad möglich sind?

Ein Nor'easter hängt seit Freitag vor der amerikanischen Ostküste fest: 81 mph Spitzenbö am Montauk Point, rund 80.000 Haushalte ohne Strom, Notstand in acht Countys von New Jersey – und das in einer Saison, die bis heute keinen einzigen Atlantik-Hurrikan kennt. Deutschland erlebt zeitgleich einen S

Key Points

  • Am Montauk Point auf Long Island registrierten die Messgeräte eine Spitzenbö von 81 mph, umgerechnet rund 130 km/h; in Surf City an der Küste New Jerseys waren es 74 mph.
  • Am Samstagabend saßen rund 80.000 Haushalte in fünf Bundesstaaten ohne Strom da – New Jersey stellte acht Countys unter Notstand.
  • Östlich von Long Island laufen Wellen von 15 bis 22 Fuß heran, also bis zu knapp sieben Meter.
  • Der Atlantik zählt 2026 sechs benannte Stürme, aber keinen einzigen Hurrikan – erst die dritte solche Nullrunde in 82 Jahren.
  • Die Warnkarte des DWD ist heute komplett leer: 18 bis 23 Grad im Norden, sonst 22 bis 27, am Oberrhein bis 31 Grad.
  • Fällt der Dekadenrekord von 32,2 Grad (Klipphausen-Garsebach, 21.09.2018)? Möglich ist es heute.

Zwei Kontinente, zwei Extreme

Selten liegen Wetterwelten so weit auseinander wie an diesem Sonntag. Auf der einen Seite des Atlantiks stapeln sich Sandsäcke vor Häusern an der Jersey Shore. Auf der anderen sitzen Menschen bei 30 Grad im Freibad, das eigentlich längst geschlossen sein sollte.

Deutschland: Ein Sonntag, an dem gar nichts passiert

Wer heute auf die Warnkarte des Deutschen Wetterdienstes schaut, findet dort nichts. Keine Böe, kein Gewitter, kein Starkregen. Verantwortlich dafür ist eine Hochdruckbrücke, die von Westeuropa über Mitteleuropa bis nach Russland reicht, gestützt von einem blockierenden Hoch über Skandinavien. Zusammen schaufeln sie subtropische Luft weit nach Norden.

Der Morgen täuscht darüber zunächst hinweg: In den Niederungen und Flusstälern wurden nur 2 bis 9 Grad gemessen, örtlich drückte Nebel die Sicht unter 150 Meter. Auf den Bergen war es zur selben Zeit mit 10 bis 14 Grad deutlich milder – ein Lehrbuchbeispiel für eine Inversion. Sobald sich die grauen Felder auflösen, übernimmt die Sonne, allenfalls von hohen Schleierwolken begleitet.

Und dann geht es steil nach oben. 18 bis 23 Grad bleiben dem Norden vorbehalten, der Rest der Republik landet bei 22 bis 27 Grad, der Südwesten bei 26 bis 31. Am Oberrhein sind bis zu 32 Grad im Spiel. Diese Zahl ist deshalb brisant, weil der deutschlandweite Rekord für die dritte Septemberdekade bei exakt 32,2 Grad liegt – aufgestellt am 21. September 2018 im sächsischen Klipphausen-Garsebach. Dekadenrekorde an einzelnen Stationen gelten laut DWD ohnehin als wahrscheinlich. Auch Dienstag und Mittwoch bringen im Westen noch einmal Werte um 30 Grad, ehe ab der zweiten Wochenhälfte von Westen her Schauer und Gewitter die Wärme abräumen könnten.

USA: Ein Sturm, der einfach nicht weiterzieht

Ganz anders die Lage auf der anderen Seite des Ozeans. Seit Freitag liegt ein Nor'easter praktisch bewegungslos vor der Ostküste – und genau diese Trägheit macht ihn gefährlich. Ein durchziehender Sturm erwischt eine Küste bei einer Flut. Dieser hier erwischt sie bei jeder.

Die Bilanz des Samstags kann sich sehen lassen: In New York City stürzten Bäume um, entlang der Jersey Shore standen die Straßen unter Wasser, in Point Pleasant wurde zur freiwilligen Evakuierung aufgerufen. Gouverneurin Mikie Sherrill rief für acht Countys den Notstand aus, in Atlantic City stieg das Wasser um mehr als drei Fuß über den normalen Stand. Quer durch New Jersey, New York, Pennsylvania, Connecticut und Massachusetts fiel bei etwa 80.000 Menschen der Strom aus.

Am Sonntag hört das nicht auf, es wird eher unangenehmer. Entlang der Küste werden Überflutungen von ein bis zwei Fuß erwartet, in besonders exponierten Lagen bis zu 3,5 Fuß. Böen bis 60 mph bleiben im Spiel, örtlich auch darüber. Regensummen von 1,5 bis 3 Zoll sind verbreitet unterwegs, auf dem östlichen Long Island bis zu 5 Zoll, und Boston bleibt bis Dienstag früh um 2 Uhr unter Flood Watch. Der Staat New York hat 5.675 Beschäftigte der Versorger und 3.375 Kräfte der Verkehrsbehörde in Stellung gebracht. Dass vor Ost-Long Island Wellen von 15 bis 22 Fuß anlaufen, ist dabei keine Randnotiz: Solche Brecher fressen sich in Dünen, die schon den Sommer über Substanz verloren haben.

Der Widerspruch: Zerstörung ohne Hurrikan

Hier wird es für Wetterinteressierte spannend. Diese Saison hat der Atlantik sechs benannte Stürme produziert – und null Hurrikane. Am 11. September wurde das bisher späteste Datum für den ersten Hurrikan der Satellitenära überschritten, und es sieht danach aus, dass der komplette September leer ausgeht. In 82 Jahren wäre das erst das dritte Mal. Als Hauptverdächtiger gilt El Niño, der den Atlantik mit Scherwinden ausbremst.

Trotzdem trifft die Ostküste gerade ein Sturm, der Fotos wie nach einem Hurrikan produziert. Der Grund liegt in der Physik: Ein Nor'easter ist kein tropisches System. Er zieht seine Energie nicht aus warmem Wasser, sondern aus dem Temperaturgegensatz zwischen kalter Festlandsluft und dem milden Golfstrom. Was den Hurrikanen dieses Jahr fehlt, braucht er gar nicht erst. Eine hurrikanfreie Saison ist eben keine sturmfreie Saison – wer sich darauf verlässt, steht irgendwann mit nassen Füßen da.

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