20.9.2026· sinskimos@gmail.com

Warum hat der Atlantik am 20. September immer noch keinen einzigen Hurrikan – und warum ist das keine gute Nachricht?

Fünf benannte Stürme, kein einziger Hurrikan: So spät im Jahr stand der Atlantik seit 1966 noch nie ohne Hurrikan da – die ACE-Bilanz liegt 94 Prozent unter Normal. Die Energie ist derweil in den Ostpazifik gewandert, während in Deutschland heute eine Kaltfront Sturm im Norden von 27 Grad Sonne im S

Key Points

  • Der Nordatlantik meldet an diesem 20. September null Hurrikane – so spät stand die Saison seit Beginn der Satellitenbeobachtung 1966 noch nie ohne einen da.
  • Fünf Stürme haben bislang einen Namen bekommen, keiner davon hat Hurrikanstärke erreicht; im Mittel wären es bis heute vier Hurrikane, zwei davon schwer.
  • Die Energiebilanz ACE des Beckens steht bei mageren 4,4 Einheiten – rund 94 Prozent unter Normal und der schwächste Wert seit mindestens 1950.
  • Der Ostpazifik läuft dafür heiß: 16 benannte Stürme, sechs Hurrikane, vier davon schwer, ACE 178,5 – 77 Prozent über dem Schnitt.
  • Deutschland zerfällt heute in zwei Wetterwelten: im Norden Sturmböen bis Bft 9 an den Küsten, im Süden bis 27 Grad Sonnenschein.
  • Im Mittleren Westen der USA gilt für Teile von Iowa, Wisconsin, Illinois, Indiana und Michigan die Sturzflut-Warnstufe 3 von 4.

Deutschland: eine Kaltfront zieht die Trennlinie

Der heutige Sonntag lässt sich mit einem Strich auf der Landkarte erklären. Eine Kaltfront schiebt sich von Nordrhein-Westfalen aus nach Osten und wandert tagsüber langsam südwärts – und was man vom Tag hat, hängt schlicht davon ab, auf welcher Seite dieser Linie man aufwacht.

Nördlich davon: dichte Wolken, immer wieder Regen, dahinter Schauer, dazu im Norden und Nordosten einzelne Gewitter, die am Nachmittag vor allem an der Ostsee auch mal eine schwere Sturmböe abwerfen können. Der Wind dreht auf West bis Nordwest und frischt verbreitet auf Stärke 8 auf, an den Küsten sind Sturmböen der Stärke 9 unterwegs, auf den Kammlagen der Mittelgebirge ebenfalls – auf dem Brocken sogar einzelne schwere Sturmböen. Die Höchstwerte bleiben mit 17 bis 22 Grad bescheiden, im Vogtland unter der Frontbewölkung geht es kaum über 15 Grad hinaus.

Südlich davon sieht der Tag aus wie aus einem anderen Monat. Nach örtlichem Frühnebel setzt sich in Südbaden und Bayern die Sonne durch, es bleibt trocken, und die Thermometer klettern auf 20 bis 27, lokal bis 28 Grad. Sommer und Herbst, getrennt durch ein paar hundert Kilometer.

Die stillste Hurrikansaison der Satellitenära

Der eigentlich bemerkenswerte Teil dieses Tages spielt sich weit draußen über dem Wasser ab – und zwar dadurch, dass dort *nichts* passiert. Der Atlantik hat in dieser Saison fünf benannte Stürme hervorgebracht, aber keinen einzigen Hurrikan. Der 11. September galt bislang als spätestes Datum, an dem das Becken noch hurrikanfrei war; dieser Rekord fiel vor gut einer Woche. Seither schreibt 2026 Meteorologiegeschichte: Es ist der späteste erste Hurrikan seit Beginn der Satellitenbeobachtung 1966.

Zum Vergleich der Blick in die alten Bücher: 1941 formierte sich der erste Hurrikan am 21. September, 1877 am 16. September, und der Extremfall bleibt 1905 mit dem 8. Oktober. Zur Normalität eines 20. Septembers gehören eigentlich vier Hurrikane, darunter zwei schwere. Noch deutlicher wird es beim ACE-Index, der Dauer und Stärke aller Stürme zusammenrechnet: 4,4 Einheiten stehen derzeit auf der Anzeige, üblich wären um diese Zeit rund 60. Kein Jahr seit mindestens 1950 hat schlechter abgeschnitten. Das Einzige, was sich gerade regt, ist Tropisches Tief Sechs südwestlich der Azoren mit etwa 55 km/h – das Hurricane Center hält eine Aufwertung zu Tropensturm *Fay* für möglich, Land wird es voraussichtlich nicht sehen.

Die Energie ist nicht verschwunden – sie hat den Ozean gewechselt

Wer daraus ein ruhiges Sturmjahr ableitet, schaut auf das falsche Becken. Ein Blick über Mittelamerika hinweg genügt: Der Ostpazifik zählt 16 benannte Stürme, sechs Hurrikane und vier schwere Hurrikane, sein ACE liegt bei 178,5 und damit 77 Prozent über dem Normalwert. Ende Juli steigerte sich Genevieve binnen 24 Stunden nach der Namensvergabe auf 260 km/h und 925 hPa – der erste Kategorie-5-Hurrikan des Jahres und der erste im Ostpazifik seit Kristy 2024.

Dahinter steckt derselbe Mechanismus, der die andere Seite lähmt. Ein kräftiger El Niño heizt die pazifischen Wassermassen auf und verstärkt gleichzeitig die Höhenwinde über dem Atlantik. Diese Scherung köpft entstehende Wirbel, bevor sie sich organisieren können. Die Rekordflaute im Atlantik und die Rekordproduktion im Pazifik sind also nicht zwei Meldungen, sondern zwei Seiten derselben.

USA: Wasser von oben statt Wind von See

Dass eine hurrikanarme Saison keine schadensarme sein muss, führt derzeit der Mittlere Westen vor. Über Iowa, Wisconsin, Illinois, Indiana und Michigan ziehen seit Tagen Gewitterzüge immer wieder über dieselben Korridore. Das Weather Prediction Center hat die Sturzflut-Gefahr auf Stufe 3 von 4 angehoben, erwartet werden 75 bis 125 Millimeter, punktuell bis zu 200 – bei Regenraten von 25 bis 50 Millimetern pro Stunde. Des Moines und Omaha haben seit Montag jeweils mehr als 75 Millimeter eingesammelt. In Bluffton in Indiana, 50 Kilometer südlich von Fort Wayne, liefen am Donnerstag ganze Viertel voll; der Wabash River stand am Freitagabend bei 4,54 Metern, die Hochwassermarke liegt bei 3,05 Metern.

Was das für die kommenden Wochen heißt

Die Saison läuft offiziell bis Ende November, und die NOAA hält weiterhin zwei bis sechs Hurrikane für möglich. Ein paar Signale deuten auf eine leichte Belebung in den nächsten Wochen hin. Trotzdem bleibt die Rechnung unangenehm: Ein Becken, das monatelang Energie speichert, gibt sie selten freiwillig zurück – und ein einzelner Sturm, der auf ein außergewöhnlich warmes Meer trifft, kann eine ganze Statistik über den Haufen werfen. Die Saison ist bislang rekordverdächtig ruhig. Vorbei ist sie deshalb nicht.

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