Schreibt der Atlantik heute Geschichte, weil sich einfach kein Hurrikan bilden will – und holt sich Deutschland danach die 30 Grad zurück?
Bis zum 11. September kein einziger Hurrikan: Die Atlantiksaison 2026 zieht mit dem Satelliten-Rekord von 2002 und 2013 gleich, während die NOAA einem historischen El Niño 75 Prozent gibt. Deutschland gleitet derweil ruhig ins Wochenende, der Südwesten peilt zum Wochenstart 30 Grad an.
Key Points
- Noch nie in der Satellitenära musste der Atlantik so lange auf seinen ersten Hurrikan warten: Heute, am 11. September, zieht 2026 mit den bisherigen Rekordjahren 2002 (Gustav) und 2013 (Humberto) gleich.
- Fünf Stürme haben bislang einen Namen bekommen – Arthur, Bertha, Cristobal, Dolly und Edouard –, doch keiner wurde zum Hurrikan; die Saison-ACE dümpelt bei 4,4.
- Das NOAA-Update vom 10. September beziffert die Chance auf einen sehr starken El Niño mit über 90 Prozent, auf den stärksten seit 1950 mit 75 Prozent.
- Deutschland erlebt heute einen Mix aus Sonne und Wolken bei 18 bis 25 Grad, und bis Montag sieht der DWD keine markanten Wettergefahren.
- Örtlich 30 Grad sind im Südwesten bis Dienstag möglich, ehe am Mittwoch eine Kaltfront die Höchstwerte auf 18 bis 23 Grad drückt.
- Im friaulischen Latisana ertrank eine Frau in ihrem Auto in einer überfluteten Unterführung, in Viareggio und Brescia richteten Tornados Schäden an Dächern an.
Deutschland: Ruhe nach dem Herbstgruß
Was Anfang der Woche als Kaltfront mit Herbstgefühl über das Land zog, ist heute kaum mehr als ein Nachhall. Zwar schiebt ein Skandinavientief einen Ausläufer über Deutschland, viel Wetter macht er aber nicht. Am Vormittag fallen im Südosten allenfalls noch ein paar Tropfen; an der Nordsee und im Westen bilden sich einzelne Schauer, die sich im Laufe des Nachmittags im Nordwesten ausbreiten. Überall sonst bleibt es trocken, Sonne und Wolken wechseln sich ab – die meisten Sonnenstunden sammelt der Südwesten. Aus West weht nur ein schwacher Wind, und die Thermometer steigen auf 18 bis 25 Grad.
Auch der Blick nach vorn fällt beim DWD unspektakulär aus. In der Wochenvorhersage Wettergefahren von 5 Uhr heißt es für Samstag: „sehr wahrscheinlich keine markanten Wetterentwicklungen“, für Sonntag und Montag gilt das mit etwas weniger Sicherheit ebenso. Samstags ziehen die Schauer in den Osten ab, der Süden präsentiert sich fast wolkenlos bei 20 bis 25 Grad. Am Sonntag zeigt das Land zwei Gesichter: Über der Nordhälfte kann es kräftiger regnen, vereinzelt auch gewittern. Im Süden dagegen sorgt ein Hochdruckrücken, der sich nach Norden schiebt, für Spätsommer pur – 22 bis 27 Grad, im Südwesten stellenweise bis 30 Grad.
Am Dienstag könnte der Südwesten laut wetter.com-Meteorologin Denise Seiling noch einmal an der 30-Grad-Marke kratzen. Lange hält das nicht: Am Mittwoch rückt eine Kaltfront an, die Nordhälfte wird unbeständig, und mehr als 18 bis 23 Grad sind dann kaum drin. Der DWD hält für diesen Tag kurze Gewitter mit teils stürmischen Böen für möglich, an den Küsten frischt der Westwind stürmisch auf.
Atlantik: Rekord durch Stillstand
Die spannendste Wetterstory des Tages dreht sich um etwas, das ausbleibt. 103 Tage läuft die atlantische Hurrikansaison inzwischen, und kein einziges System hat es bis zur Hurrikanstärke geschafft. Später als am 11. September kam der erste Hurrikan seit Beginn der Satellitenbeobachtung noch nie. Diesen Platz teilten sich bisher Gustav (2002) und Humberto (2013) – wobei einige Statistiken Gustav erst ein paar Stunden in den 12. September hinein einordnen. Dahinter reihen sich Diana (10. September 1984), Erin (9. September 2001) und Arlene (2. September 1967) ein.
Stürme gab es 2026 durchaus: Arthur, Bertha, Cristobal, Dolly und Edouard. Letzterer erreichte am 1. September mit Wind bis etwa 97 km/h (60 mph) die Küste im Südwesten Louisianas – als Tropensturm. Unterm Strich stehen fünf Namen, null Hurrikane und eine akkumulierte Zyklonenergie (ACE) von gerade einmal 4,4. Saharastaub und vor allem die durch El Niño verstärkte vertikale Windscherung zerpflücken jede Störung, bevor sie sich organisieren kann. Für die nächsten sieben bis zehn Tage sehen die Modelle keine Entwicklung. Eine Saison ganz ohne Hurrikan gab es zuletzt 1914.
Zurücklehnen sollte sich trotzdem niemand. Drei Monate hat die Saison noch vor sich, und Fox Weather gibt zu bedenken: Einem verspäteten ersten Hurrikan folgt oft ein kurzes, aber umso riskanteres Zeitfenster, in dem das Becken die verlorene Zeit aufholt.
El Niño: Kurs auf den Allzeitrekord
Der Taktgeber der Flaute sitzt im Pazifik. Mit dem Update vom 10. September hat die NOAA nachgelegt: über 90 Prozent Wahrscheinlichkeit für einen sehr starken El Niño in Herbst und Winter, 75 Prozent dafür, dass er alles seit 1950 Gemessene übertrifft. Aktuell liegt der Niño-3.4-Index 1,8 Grad über dem Normalwert. Den Rekord hält bislang der Winter 1982/83 mit 2,4 Grad nach dem RONI-Index – der Prognosemittelwert für 2026 liegt bei 2,66. Die Fernwirkungen sind schon da: Wegen der Dürre in Mittelamerika stockt der Verkehr durch den Panamakanal, in Indonesien brennen Wälder. Und im Westen der USA galten am 10. September Red-Flag-Warnungen in Montana, Wyoming, Idaho sowie North und South Dakota – trockene Vegetation, sehr niedrige Luftfeuchte und auffrischender Westwind vor einer Kaltfront.
Adria: Tornados, Sturzfluten, ein Todesopfer
Deutlich näher an uns wurde es lebensgefährlich. Gewitterlinien und Superzellen fegten bis Donnerstag über Norditalien, wetter.com hatte für Venetien und Friaul zusammen bis zu 210 Liter pro Quadratmeter angekündigt. In Latisana blieb eine Frau mit ihrem Wagen in einer vollgelaufenen Unterführung stecken; ein Carabiniere sprang ins Wasser und zog sie heraus, doch sie starb noch vor Ort. Im Norden Mailands summierte sich der Regen binnen 24 Stunden auf fast 100 Millimeter, in Ligurien trat die Lavagna über die Ufer, und in Viareggio sowie Brescia beschädigten Tornados Dächer und Strandbäder. Strom- und Signalstörungen bei Triest, Portogruaro und Monfalcone brachten den Bahnverkehr mit bis zu einer Stunde Verspätung aus dem Takt.
Während der Süden Italiens noch bei 35 bis 36 Grad schwitzte, wandert die Störung bis Samstag südwärts. Wer am Wochenende auf der ZAPOLLO-Karte nach Blitzen sucht, dürfte daher eher über Süditalien fündig werden als über Deutschland – abgesehen von einzelnen Gewittern im Norden am Sonntag.
*Hierzulande: Spätsommer-Ruhe. Über dem Atlantik: historische Stille. Die zweite verdient mehr Aufmerksamkeit, als ihr Name vermuten lässt.*