
Rutscht der Rhein in Düsseldorf auf minus 11 Zentimeter – während in Südfrankreich 400 Liter Regen an einem Tag niedergehen?
Am Niederrhein wird gerade ein Pegelstand erwartet, den es in der Messgeschichte noch nie gab: minus 11 Zentimeter in Düsseldorf. Fast gleichzeitig lief in Gard und Hérault die erste Cévenol-Lage der Saison auf – mit Summen über 400 Litern pro Quadratmeter und zwei Tornados über der Camargue.
Key Points
- In Düsseldorf soll der Rheinpegel bis Freitag auf minus 11 Zentimeter sinken – kein niedrigerer Wert ist dort je gemessen worden.
- Am Schlüsselpegel Kaub fiel bereits am 5. August der alte Rekord von 25 Zentimetern aus dem Jahr 2018; inzwischen stehen dort erstmals negative Zahlen.
- Zwischen Le Vigan und Saint-Hippolyte-du-Fort im Gard kamen in weniger als 24 Stunden 280 bis 330 Millimeter zusammen, örtlich über 400 l/m².
- Bei Aigues-Mortes in der Camargue berührten am Mittwochmorgen zwei Tornados nahezu gleichzeitig den Boden.
- Heute zieht die Kaltfront von Sturmtief EVA über Deutschland: im Westen Regen und bis zu 9 Grad Temperatursturz, im Osten noch 20 bis 25 Grad.
- In Thailand sind nach Behördenangaben 2,6 Millionen Menschen in 29 Provinzen betroffen, mindestens 22 Todesopfer sind bestätigt.
Ein Pegelstand, der vor dem Nullpunkt nicht haltmacht
Pegelstände sind keine Wassertiefen – sie sind Abweichungen von einem festgelegten Bezugsniveau. Genau deshalb ist ein negativer Wert möglich, und genau deshalb ist er ein Alarmsignal: Er bedeutet, dass der Fluss unter die Marke gefallen ist, die man vor Jahrzehnten als untere Grenze des Normalen definiert hat.
Der Rhein tut das derzeit in Serie. Kaub, der für die Binnenschifffahrt wichtigste Messpunkt am Mittelrhein, unterschritt laut Florian Krekel vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt schon am 5. August den Tiefstwert von 25 Zentimetern, der seit dem Dürrejahr 2018 Bestand hatte – und notiert mittlerweile im Minus. In Köln fiel der Rekord am Montag. Für Düsseldorf steht bis Freitag die Zahl minus 11 Zentimeter im Raum. Niedriger war es dort nie.
Krekels Beschreibung der Lage ist der eigentliche Hammer: Der Strom werde aktuell im Wesentlichen aus Kläranlagen, aus schmelzendem Gletschereis und aus wenig Grundwasserzufluss gespeist. Ein Fluss dieser Größe, am Tropf seiner Abwasserkanäle.
Wenn Europas wichtigste Wasserstraße in zwei Teile zerfällt
Für Frachter ist bei 1,2 bis 1,5 Metern Fahrrinnentiefe Schluss. Auf dem Abschnitt zwischen St. Goar und Mainz fahren nur noch Einzelfahrzeuge – praktisch eine Trennlinie quer durch das System: Mittel- und Oberrhein sind von den großen Häfen in Duisburg und Rotterdam abgekoppelt. Das trifft Raffinerien, Stahlwerke und die Chemie direkt. Allein BASF in Ludwigshafen bezieht rund die Hälfte seiner Rohstoffe über das Wasser.
Was würde helfen? Jens Schwanen, Chef des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt, nennt die Hausnummer: zwei Wochen Dauerregen, bevorzugt im Südwesten. Hintergrund dieser Bilanz ist ein Sommer 2026, der nach DWD-Daten der zweitwärmste seit Messbeginn war.
Heute übernimmt EVA – nur reicht das nicht
Die Kaltfront des Sturmtiefs EVA, dessen Zentrum südlich von Island liegt, hat in der Nacht die Westhälfte erreicht. Dort regnet es heute verbreitet, während die Osthälfte bis zum Abend noch Sonne abbekommt. Von Baden bis Niedersachsen fallen meist 5 bis 15 l/m², örtlich 15 bis 25, vereinzelt über 30, in den Mittelgebirgen bis 40 l/m² – dazu einzelne Gewitter. Die Höchstwerte liegen bei 20 bis 25 Grad, am mildesten bleibt es im Osten und Südosten; im Westen geht es um bis zu 9 Grad nach unten, danach liegt das Niveau 5 bis 10 Grad tiefer als zuletzt. Zum Wochenende drängt schon wieder Hochdruck heran: ruhig, sonnig, um 20 Grad. Gegen ein Defizit, das sich über Monate aufgebaut hat, ist das ein Tropfen.
Südwestlich davon regnet es ein halbes Jahr an einem Tag
Dieselbe Großwetterküche, umgekehrtes Vorzeichen. Météo-France stellte Gard und Hérault am Mittwoch auf Vigilance rouge – höchste Warnstufe für Regen und Hochwasser – und sprach von einem „außergewöhnlichen mediterranen Regen- und Gewitterereignis“ mit bemerkenswerten, flächigen Summen. Zwischen Le Vigan und Saint-Hippolyte-du-Fort standen 280 bis 330 Millimeter auf der Uhr, gefallen in weniger als einem Tag; Teile des Hérault meldeten rund 200 Millimeter in 24 Stunden, lokal wurden über 400 Liter pro Quadratmeter erreicht.
In Montpellier lief die Innenstadt voll, für den Lez wurde eine Hochwasserspitze angekündigt, dazu kräftige Anstiege an Vidourle und Vistre. Einsatzkräfte holten Menschen aus Fahrzeugen, Erdrutsche kamen hinzu, Züge nach Montpellier, Nîmes und Sète sowie in Richtung Marseille und Bordeaux fielen aus, am Flughafen Montpellier wurden Flüge gestrichen. Heute bleibt der Hérault bei Vigilance rouge für Hochwasser, der Gard wurde auf Orange zurückgenommen – das Wasser ist jetzt in den Flüssen und muss durch.
Die Zuspitzung der Lage gelang der Atmosphäre am Mittwochmorgen in der Camargue: Bei Aigues-Mortes setzten zwei Tornados fast gleichzeitig auf, ein Meteorologe von Météo-Paris bestätigte für beide eindeutigen Bodenkontakt. Tornados sind an der französischen Mittelmeerküste nicht unmöglich, aber ein Doppel mitten im Starkregen bleibt bemerkenswert.
Die Rechnung dahinter
Es ist dieselbe Physik, die beide Extreme erzeugt. Das Mittelmeer hat drei heiße Monate hinter sich und liefert als Energiespeicher die Feuchte, die ein erster Kaltlufttropfen über den Cevennen in wenigen Stunden ausquetscht – Herbst ist dort Sturzflut-Saison. Nördlich davon sorgte ein zäher Hochdruckblock dafür, dass Tiefs monatelang abgewiesen wurden; was dem Rhein fehlt, ist nicht ein Regentag, sondern eine Jahreszeit.
Blick nach außen
In Thailand hält die Flutkatastrophe an: 29 Provinzen und alle 50 Bezirke Bangkoks sind betroffen, nach Behördenangaben 2,6 Millionen Menschen, mindestens 22 Menschen starben. Die Hauptstadt hat über 200 Notunterkünfte geöffnet, in denen am Sonntag rund 3.000 Menschen untergekommen waren; die Kanalpegel steigen teils weiter, weil Wasser aus dem Umland nachläuft. Seismisch war die Nacht unauffällig: Das stärkste Beben der letzten 24 Stunden erreichte Magnitude 5,6 im Philippinischen Meer, 73 Kilometer südlich von Yonaguni-jima (Okinawa).